>- L > Leseempfehlung, Sahra und der Staffelstab

Sahra Wagenknecht hat sich zu Wort gemeldet und eine Rauschen geht durch den Blätterwald und das Internet.

Was ist passiert? Was muss jetzt weiter passieren?

Passiert ist, dass S.W. zu einem sicherlich wohl überlegten Zeitpunkt aus dem Vorstand des Arbeitsausschusses zurückgetreten ist und dazu folgendes erklärt hat (zitiert nach „Welt“):

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„‚Die Parteipolitiker sollten sich zurücknehmen, das betrifft auch mich selbst. Sie waren mit ihren Erfahrungen anfangs notwendig. Aber jetzt ist es richtig, Verantwortung abzugeben.‘ Die Bewegung könne ‚besser leben, wenn sie denen übergeben wird, die sie an der Basis ohnehin tragen‘.

Als Begründung für ihre Entscheidung führte die 49 Jahre alte Politikerin auch persönliche Gründe an. Sie werde Aufstehen‘ weiter unterstützen, etwa durch öffentliche Auftritte, betonte Wagenknecht. ‚Aber ich muss auch sehen, welches Arbeitspensum ich schaffe. Dass ich jetzt zwei Monate krankheitsbedingt ausgefallen bin, hatte auch mit dem extremen Stress der letzten Jahre zu tun. Da muss ich eine neue Balance finden.'“
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Auf der FB-Seite von Aufstehen wendete sie sich umgehend gegen die Verdrehung einiger Medien, die daraus zu Unrecht ihren Abschied aus der Bewegung herauslesen wollen:

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Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

die Medien berichten zurzeit darüber, dass sich Sahra Wagenknecht aus der Führung von Aufstehen zurückzieht. Dazu sie selber:

„Gerade kursieren Meldungen, ich würde mich von Aufstehen verabschieden. So ein Quatsch! Bei einigen Medien ist offenbar wieder mal der Wunsch Vater des Gedankens. Selbstverständlich werde ich Aufstehen weiter unterstützen, insbesondere durch öffentliche Veranstaltungen, wie nächste Woche in Hamburg. Aber wir brauchen einen Neustart in der Führung von Aufstehen. Hier sollten sich die Berufspolitiker in Zukunft stärker zurücknehmen und die Bewegung denen übergeben, die sie ohnehin an der Basis gestalten.

Aufstehen wird gebraucht. Aber wir müssen uns noch besser organisieren, um wirksamer zu werden.“
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Interessant zu wissen ist in diesem Zusammenhang sicherlich auch, dass S.W. überhaupt erst am 15.1.2019 ohne Gegenstimmen bei drei Enthaltungen Mitglied des Vorstandes des Arbeitsausschusses geworden ist 
(Quelle: aufstehen.de/protokoll-der-sitzung-des-politischen-arbeitsa…
und sich im übrigen -so meine ich es irgendwo gelesen zu haben- nicht nach diesem Amt gedrängt hatte.

Der Schritt, den S.W. nun getan hat, war fällig, wenn nicht sogar überfällig, und deckt sich mit dem basisdemokratischen Ansatz, wie er im Gründungsaufruf zum Ausdruck kommt, in dem es heißt:

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„Aufstehen ist auch keine neue Partei, sondern eine überparteiliche Sammlungsbewegung, in die jede und jeder sich einbringen kann, die oder der die in diesem Gründungsaufruf benannten Ziele unterstützt. Ein detaillierteres Programm wird sich Aufstehen in einem transparenten Diskussionsprozess selbst erarbeiten. Bei uns hat jede Stimme Gewicht. Wir setzen auf eine neue Nähe und direkte Kommunikation. 
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Es ist -wie viele schon lange fordern- an der Zeit, dass jetzt aus der notwendigerweise „TopDown“ gegründeten Bewegung eine

„BottomUp“-Bewegung wird.

Meiner Meinung nach ist das, was S.W. jetzt macht, genau das richtige Konzept: Sich aus der Führung zurückzuziehen und die Bewegung weiterhin durch Auftritte zu unterstützen.

Das ist eine klare pro-basisdemokratische Ansage, die der Forderung vieler, wie auch meiner, entspricht, in der Bewegung basisdemokratische Strukturen aufzubauen und den Initiatoren eher eine Aufgabe als Berater, Unterstützer oder „Schirmherrschaft“ zukommen zu lassen, während die politische Willensbildung bei der Basis liegen muss.

Dass S.W. diesen Schritt nun auch von anderen Berufspolitikern erwartet, ist aus ihrer -wie ich meine, richtigen- Sicht nur konsequent.

Ist es etwa nicht ihr gutes Recht, jetzt, nachdem sich die Bewegung an der Basis bereits konstituiert hat, gleichermaßen sich selbst wie auch anderen selbsteingesetzten Berufspolitikern das Recht zur Führung abzusprechen?

Ich finde, das ist ein sehr begrüßenswerter Schritt, der von hoher politischer Integrität zeugt und konsequent das Ziel im Auge hat, die TopDown gegründete Bewegung in eine BottomUp-Bewegung umzukrempeln.

Wenn man diesen Schritt in der Sache für richtig erachtet, kommt man natürlich automatisch auch zu dem Ergebnis, dass andere Berufspolitiker, die nicht bereit sind, diesen Schritt ihrerseits nachzuvollziehen, sich dadurch ins politsche Abseits stellen werden.

Sahra Wagenknecht hat denen, die möglicherweise beabsichtigen, an ihrer Selbsternennung festzuklammern, mit der Begründung ihres Rückzugs aus dem Vorstand des Arbeitsausschusses eine -so würde man im Fussball sagen- Abseitsfalle gestellt. 
Und das ist gut so!

Denn es hilft den basisdemokratischen Kräften mit maximaler Kraft, sich -ohne Ansehen einzelner Personen- jeglicher Macht- oder Vereinnahmungsambitionen zu entledigen. Mehr kann man wahrlich nicht von ihr erwarten.

All jene, die nun auf dem neuen Sachverhalt herumhacken

-Kostproben aus den Foren: 
„Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“, 
„Herzlichen Glückwunsch an alle Zersetzer und Dauermotzerer!“, 
(gerade so, als hätten sie S.W. zum Schaden der Bewegung verscheucht)

oder die ihr unterstellen, sie habe schon gleich wieder den Rücktritt vom Rücktritt erklärt, weswegen das alles nur ein taktisches Manöver sei, müssen sich nun fragen lassen, was sie zu solcher Schmähkritik veranlasst.

Sahra Wagenknecht hat jedenfalls der Bewegung den bestmöglichen Dienst erwiesen. 
Denn wenn Aufstehen dem selbstgesetzen Anspruch gerecht werden will, irgendwann einmal wirklich eine SAMMLUNGSBEWEGUNG zu werden, so setzt das zwangsläufig voraus, dass sie sich gegenüber jeglicher parteipolitischer oder auch sonstiger Vereinnahmung durch Einzelinteressen immunisieren muss. Sonst ist es vorbei mit der eigenen integrativen Kraft.

Dazu bringt die Bwegung mit ihren ca. 80% nicht parteigebundenen Mitgliedern eine hervorragende Basis mit, die sich jetzt aber auch wirklich durchsetzen muss, die sich ihre eigene Macht nicht aus der Hand nehmen lässt.

Nur dann wird es uns möglich sein, Aufstehen zu der integrativen linken Kraft zu machen, die wir in diesem Land so dringend brauchen.

Der beste Schutz gegen jegliche Art von Fremdsteuerung ist es, wenn -wie es auch im Gründungsaufruf steht- JEDE STIMME Gewicht hat und zwar nicht nur ein Gewicht, dass sich in einem Wahlkreuzchen einmal im Jahr erschöpft, sondern das Jede und Jeder ständig, bei allen wichtigen Entscheidungen, in die Waagschale werfen kann.

Was also muss jetzt weiter passieren?

Das unsäglich „vorläufige Statut“ mit seinen Vorgaben für eine Aufstehen, die jedem Demokratie-Test spottet, ist nach wie vor nicht vom Tisch. Das sollte nicht in Vergessenheit geraten (siehe dazu mein Post „Aufstehen und Umfallen zum Kreuzchen machen“ hier in der Gruppe).

Stattdessen brauchen wir in der Bewegung dringend einen Diskussionsprozess darüber,

– welches die passenden Instrumente und Strukturen der Selbstorganisation sind,

– mit welchen Mitteln wir es am besten schaffen, jeglicher Vereinnahmung von außen aber auch Zerbröselung von innen entgegenzutreten.

Dazu liegen bereits viele Vorschläge auf dem Tisch. Es gibt Modelle, an denen wir uns orientieren können. Wir brauchen das Rad nicht neu zu erfinden; aber es anpassen an die konkreten Bedürfnisse unserer Bewegung, das müssen wir schon.

Es ist nun an uns, es ist Sache der Bewegung, den Ball aufzunehmen und ins Tor zu schießen. 
Wenn man nicht von oben geführt werden will, dann darf man selbst nicht sitzen bleiben, dann muss man initiativ werden. 
Denn ohne eine aktive Basis gibt es auch keine wirkliche Basisdemokratie.

Das fängt in der Ortsgruppe an: Wir müssen uns persönlich und wechselseitig ertüchtigen, so dass möglichst nicht nur immer dieselben irgendwelche Aufgaben übernehmen, sondern immer mehr dazu in der Lage sind, sei es die Moderation der Gruppe, die Erarbeitung von Aktionskonzepten, das aktive Ansprechen von Menschen, die wir erreichen möchten und vieles mehr.

Es hört aber nicht in der Ortsgruppe auf: Wir werden Vertreter brauchen, die in der Lage sind, die Gruppe in weiteren Gremien der Bewegung angemessen zu vertreten oder auch dort Aufgaben zu übernehmen: Die einen können besser sprechen, andere besser Flugblätter schreiben oder Aktionen planen und organisieren, eigene politische Erfahrung weitergeben, Bündnisarbeit betreiben.

So können wir voneinander lernen und uns auch persönlich und solidarisch weiterenwickeln. Denn in den Schoß gelegt ist all das den wenigsten von uns.

Wir, jede(r) Einzelne von uns, muss weg von der „Bequemlichkeit“, die eine Delegation von Macht an andere weiter oben mit sich bringt. Wir müssen, jede(r) für sich und alle zusammen daran arbeiten, selbst Verantwortung für die Bewegung, für die überlebensnotwendige Demokratie in der Bewegung zu übernehmen. 
Wir müssen uns von politischem „Konsumdenken“ lösen, darauf zu warten, dass uns irgendwer irgendwas vorsetzt, was wir dann brav auslöffeln.

Wenn wir das gemeinsam schaffen, werden wir den Ball ins Tor schießen, und das nicht nur einmal.

Wir werden dann viele Tore schießen gegen die Sozialstaatzerstörer, gegen die Profit- und Kriegsgeilen, gegen die Umweltzerstörer.

Und wir werden das dann nicht nur mit der Kraft unserer Bewegung tun können, sondern in einem großen politischen Bündnis aller linken Kräfte in diesem Land, der eigentlichen Vision von Aufstehen!

Textveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Thomas Strobel

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